Möchte Papst Franziskus, daß sog. Wiederverheiratete Geschiedene in besonderen Fällen zu den Sakramenten zugelassen werden?

Leider kann man bisher diese Frage nicht mit letzter Gewißheit beantworten, was sicher einer der Gründe für die „Dubia“ der vier Kardinäle ist. Es gibt Aussagen, die widersprüchlich wirken. Deshalb ist es nötig, um wenigstens eine vorläufige Antwort zu finden, einige Indizien zu benennen.

Zunächst gilt es, die bisherige Lehre der Kirche zu vergegenwärtigen! Es heißt im katholischen Katechismus zu diesem Thema: In Treue gegenüber dem Wort Jesu (Mk. 10, 11-12: Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet) hält die Kirche daran fest, daß sie eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen kann, falls eine gültige Ehe existiert. Wenn Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetz Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen!

Bis zum Beginn der ersten Bischofssynode kennen wir Aussagen von Papst Franziskus, die mit der Lehre deckungsgleich sind. So sagte er noch am 3. März 2014 beim Ad limina Besuch der spanischen Bischöfe, wie es Bischof Demetrio Fernandez berichtete, dass eine kirchlich verheiratete Person, die geschieden ist und noch einmal staatlich geheiratet hat, die Sakramente nicht empfangen kann: "Das hat Jesus Christus so eingerichtet und der Papst kann es nicht ändern."

Mit Beginn der Sondersynode weisen die Aussagen des Papstes und manche Maßnahmen jedoch in eine andere Richtung und es sieht so aus, als wolle der Papst eine Veränderung der bisherigen Praxis herbeiführen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, seien im Anschluß einige Indizien genannt!

Indiz 1: Papst Franziskus ließ Kardinal Kasper am 20. Februar 2014 vor dem versammelten Kardinalskollegium das Hauptreferat halten. Dieser warb unter bestimmten Umständen um Zulassung der betreffenden Personengruppe zu den Sakramenten.
Frage: Warum wählt der Papst jemanden aus, der Thesen vertritt, die im Widerspruch zur bisherigen Linie der Kirche stehen und dessen Ansinnen bereits im Jahre 1994 offiziell zurückgewiesen wurde?
Warum wurde nicht ein Referent ausgesucht, der den bisherigen Weg der Kirche bekräftigte?

Indiz 2: Im achten Kapitel von AL unter 305 heiß es ."Aufgrund der Bedingtheiten oder mildernder Faktoren ist es möglich, daß man mitten in der objektiven Sitaution der Sünde – die nicht subjektiv schuldhaft ist oder es zumindest nicht völlig ist – in der Gnade Gottes leben kann, dass man lieben kann und dass man auch im Leben der Gnade und der Liebe wachsen kann, wenn man dazu die Hilfe der Kirche bekommt." In diesem Kontext wird dann die Fußnote 351 eingefügt, die in der Folge so viele unterschiedliche Reaktionen hervorruft. In ihr heißt es: In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb » erinnere ich [die Priester] daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn « (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium [14. November 2013], 44: AAS 105 [2013], S. 1038). Gleichermaßen betone ich, dass die Eucharistie » nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen « ist.
Die „gewissen Fälle“ werden in diesem Zusammenhang nicht näher bezeichnet. Es liegt aber nahe, daß es sich nicht um jene Fälle handelt, die durch ein Ehenichtigkeitsverfahren geprüft wurden. Papst Franziskus bezeichnet also hier den Sakramentenempfang als eine Möglichkeit nach einem längeren Weg der Begleitung durch einen Priester.
Die angesprochene Öffnung für die Sakramente kann sich m.E. auch nicht auf jene Möglichkeit beziehen, die schon in Familiaris consortio eingeräumt wurde, eine Entscheidung zur Enthaltsamkeit zu treffen! Vielmehr legt diese Passage von Amoris laetitia nahe, daß der Papst tatsächlich eine konkrete Veränderung der bisherigen Praxis anstrebt!

Indiz 3: Papst Franziskus läßt Kardinal Schönborn das Schreiben Amoris laetitia vor der Öffentlichkeit präsentieren.
Kardinal Schönborn unterstützt die Ansichten von Kardinal Kasper!
Befremdend bleibt für mich, daß nicht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, das Schreiben vorstellte. Dieser allerdings hatte immer wieder betont, daß es keine Zulassung von sog. Wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten geben kann, die Kardinal Schönborn jedoch für möglich hält!

Indiz 4: Interviewaussage von Papst Franziskus.

Dann fragte Francis Rocca vom Wall Street Journal: „Einige behaupten, daß sich bezüglich der Disziplin, die den Zugang zu den Sakramenten für die wiederverheirateten Geschiedenen regelt, nichts geändert habe, und daß das Gesetz und die pastorale Praxis und natürlich die Doktrin so bleiben. Andere behaupten hingegen, daß sich viel geändert habe und daß es viele neue Öffnungen und Möglichkeiten gebe. Die Frage lautet für einen Menschen, für einen Katholiken, der Bescheid wissen will: Gibt es neue konkrete Möglichkeiten, die vor der Veröffentlichung des nachsynodalen Schreiben nicht gegeben waren oder nicht?“
Papst Franziskus: „Ich könnte sagen Ja und Punkt. Aber das wäre eine zu knappe Antwort. Ich empfehle Euch allen, die Vorstellung zu lesen, die Kardinal Schönborn gemacht hat, der ein großer Theologe ist. Er ist Mitglied der Glaubenskongregation und kennt die Lehre der Kirche gut. In dieser Präsentation wird Ihre Frage eine Antwort finden.“
Indiz 5: Schreiben der Bischöfe von Argentinien und die Papstantwort

Die argentinischen Bischöfe der Region Buenos Aires gaben in einem Brief vom 5. September 2016 Anwendungsbestimmungen für das Schreiben "Amoris laetitia" heraus. Papst Franziskus bestätigte am selben Tag diese (laut OR vom 13. September) und sagte damit zum ersten Mal deutlich aus (es gebe "keine anderen Interpretationen"), dass der Sakramentenempfang für Katholiken die "in einer objektiven Situation der Sünde" leben in Einzelfällen möglich sei. Sie könnten bei bestehender sakramentaler Ehe in einer neuen Beziehung leben. Wiederverheirateten Geschiedenen sei zwar nach Möglichkeit ein Zusammenleben in sexueller Enthaltsamkeit nahezulegen, dies stelle jedoch nicht immer eine praktikable Lösung dar. Eine Zulassung zu den Sakramenten könne keine allgemeine "Erlaubnis" oder eine zu liberale Praxis sein, sondern nur das Ergebnis eines Unterscheidungsprozesses im Einzelfall, der durch einen Geistlichen "persönlich und pastoral" begleitet wird. Eine Rolle spiele beispielsweise die Dauer der neuen Bindung, wiederholtes Scheitern von Beziehungen oder die Bewertung der eigenen Lebenssituation. Wenn etwa die Schuld des Betreffenden eingeschränkt sei oder ein Schaden für die Kinder aus der neuen Beziehung drohe, eröffne "Amoris laetitia" die "Möglichkeit des Zugangs zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie", interpretierten die argentinischen Bischöfe. Schließlich könne angeraten sein, dass der Zugang zu den Sakramenten "auf diskrete Weise" geschehe, vor allem wenn Konflikte zu erwarten seien. Auch ein Klima des Verstehens und der Offenheit dürfe keine "Verwirrung hinsichtlich der Lehre der Kirche über die unauflösliche Ehe" schaffen, zitiert die Zeitung die argentinischen Bischöfe.

Fazit: Aus meiner Sicht weisen die gesammelten Indizien und Informationen aus verschiedenen Diskussionen immer deutlicher darauf hin, daß Papst Franziskus die bisherige Praxis der Kirche an diesem Punkt ändern möchte. Es bleibt eine letzte Unsicherheit, da sich der Papst noch nicht offiziell zu dieser Frage unmißverständlich geäußert hat und es die unterschiedlichsten Interpretationen gibt. Umso wichtiger wäre eine Stellungnahme des Papstes zu den „Dubia“ der vier Kardinäle! In meinen folgenden Überlegungen gehe ich jedoch davon aus, daß der Papst etwas verändern möchte! Es würde mich sehr freuen, wenn es nicht so wäre!

Elija aus Jerusalem